Lymphödem-Ratgeber
Lymphödem: Ursachen, Krankheitsverlauf, Diagnose und Therapie
Ein Lymphödem ist nicht einfach nur eine Schwellung. Es ist eine chronische Erkrankung des Lymphsystems, die sich mit der Zeit verschlechtern kann. Deshalb sind eine frühe Diagnose, eine konsequente Therapie und ein gutes langfristiges Selbstmanagement wichtig.
In diesem Artikel erklären wir, wodurch ein Lymphödem entstehen kann, wie es sich entwickelt, wie es erkannt wird und welche Therapien helfen können, den Verlauf zu verlangsamen oder zu stabilisieren.
Was ein Lymphödem ist
Ein Lymphödem ist eine chronische Erkrankung des Lymphsystems. Es entsteht, wenn das Lymphsystem nicht mehr genug Lymphflüssigkeit abtransportieren kann.
Dadurch sammelt sich eiweißreiche Flüssigkeit im Gewebe. Das führt zu dauerhaften Schwellungen, Entzündungen, Verhärtungen des Gewebes und einem höheren Risiko für Infektionen.
Ein Lymphödem verschwindet nicht von allein. Anders als manche anderen Schwellungen ist es nicht nur vorübergehend. Wenn es einmal entstanden ist, braucht es meist ein lebenslanges Management.
Am häufigsten betrifft ein Lymphödem Arme oder Beine. Es kann aber auch am Rumpf, am Kopf, am Hals oder im Genitalbereich auftreten.
Wenn ein Lymphödem nicht oder nicht ausreichend behandelt wird, kann sich das Gewebe mit der Zeit verändern. Die Haut kann dicker werden, das Gewebe kann verhärten und Bewegungen können schwerer fallen. Das kann die Lebensqualität deutlich einschränken.
Ursachen und Einteilung
Ein Lymphödem wird in zwei Hauptformen eingeteilt: primäres Lymphödem und sekundäres Lymphödem.
Primäres Lymphödem
Ein primäres Lymphödem entsteht durch angeborene oder genetische Veränderungen des Lymphsystems.
Dabei können Lymphgefäße oder Lymphknoten nicht vollständig entwickelt sein, fehlen oder anders aufgebaut sein als normalerweise.
Ein primäres Lymphödem kann bereits bei der Geburt sichtbar sein. Es kann aber auch erst in der Pubertät oder im Erwachsenenalter auftreten.
Häufig sind die Beine betroffen. Oft beginnt die Schwellung weiter unten, zum Beispiel am Fuß oder am Knöchel, und breitet sich mit der Zeit nach oben aus.
Sekundäres Lymphödem
Ein sekundäres Lymphödem entsteht, wenn ein zuvor funktionierendes Lymphsystem geschädigt wird.
In Industrieländern passiert das häufig nach Krebsbehandlungen. Dazu gehören zum Beispiel Operationen, bei denen Lymphknoten entfernt werden, oder eine Strahlentherapie.
Weitere mögliche Ursachen sind Verletzungen, Verbrennungen, wiederholte Infektionen, Entzündungen, Tumoren, die Lymphbahnen zusammendrücken, oder in manchen Regionen parasitäre Infektionen wie Filariose.
Wenn keine klare Ursache gefunden wird, spricht man von einem idiopathischen Lymphödem.
Wie das Lymphsystem funktioniert
Das Blut versorgt unser Gewebe ständig mit Sauerstoff und Nährstoffen. Gleichzeitig werden Abfallstoffe abtransportiert.
Ein Teil der Flüssigkeit aus dem Blut gelangt in das Gewebe. Etwa 90 % dieser Flüssigkeit wird direkt wieder über die Venen aufgenommen.
Die restlichen etwa 10 % bleiben zunächst im Gewebe. Das sind ungefähr 6 bis 10 Liter Flüssigkeit pro Tag. Diese Flüssigkeit muss vom Lymphsystem aufgenommen und zurück in den Blutkreislauf gebracht werden.
Diese Flüssigkeit nennt man Lymphe. Sie enthält unter anderem Eiweiße, Fette, Immunzellen, Zellreste, Mikroorganismen und Fremdstoffe.
Das Lymphsystem beginnt mit sehr feinen Lymphkapillaren im Bindegewebe. Von dort wird die Lymphe über größere Lymphgefäße und Lymphknoten weitertransportiert und schließlich zurück in den Blutkreislauf geleitet.
Das Lymphsystem ist nicht nur für den Flüssigkeitstransport wichtig. Es spielt auch eine wichtige Rolle für das Immunsystem.
Die Lymphknoten wirken wie Filterstationen. Dort werden Krankheitserreger und Fremdstoffe erkannt und bekämpft.
Was bei einem Lymphödem im Körper passiert
Ein Lymphödem entsteht, wenn das Lymphsystem weniger Flüssigkeit abtransportieren kann, als im Gewebe anfällt.
Das kann passieren, wenn Lymphgefäße geschädigt sind, nicht richtig funktionieren oder nicht vollständig entwickelt sind.
Wenn die Lymphe nicht ausreichend abfließen kann, sammelt sich eiweißreiche Flüssigkeit im Gewebe.
Diese Eiweiße lösen eine dauerhafte Entzündungsreaktion aus. Dadurch werden bestimmte Zellen im Gewebe aktiviert. Mit der Zeit kann das Gewebe härter werden. Das nennt man Fibrose.
Auch Fettgewebe kann sich im betroffenen Bereich vermehrt einlagern.
Deshalb wird ein Lymphödem im Verlauf oft fester, weniger eindrückbar und schwerer zu behandeln.
Wichtig: Entwässerungstabletten helfen bei einem Lymphödem in der Regel nicht. Sie entfernen zwar Wasser, aber nicht die Eiweiße aus dem Gewebe. Dadurch können sie die Gewebeveränderungen sogar verschlechtern.
Die Stadien des Lymphödems
Ein Lymphödem entwickelt sich in verschiedenen Stadien.
Latentes Stadium
In diesem frühen Stadium ist das Lymphsystem bereits geschädigt. Es ist aber noch keine sichtbare Schwellung vorhanden.
Spezielle Untersuchungen können zeigen, dass der Lymphtransport bereits eingeschränkt ist.
Rückbildungsfähiges Stadium
In diesem Stadium ist eine weiche Schwellung sichtbar.
Wenn man auf die Haut drückt, kann eine Delle entstehen. Das nennt man Fovea-Zeichen.
Durch Hochlagern des betroffenen Arms oder Beins kann die Schwellung vorübergehend zurückgehen.
Spontan irreversibles Stadium
Mit der Zeit nimmt die Verhärtung des Gewebes zu.
Die Schwellung geht durch Hochlagern nicht mehr vollständig zurück. Eine Delle bei Druck ist oft nur noch schwer oder gar nicht mehr sichtbar.
Elephantiasis
Dies ist das am weitesten fortgeschrittene Stadium.
Die Schwellung ist sehr stark. Die Haut ist deutlich verändert. Es kann zu starken Bewegungseinschränkungen und großen Umfangszunahmen kommen.
Diagnose
Die Diagnose eines Lymphödems erfolgt vor allem durch ein ärztliches Gespräch und eine körperliche Untersuchung.
Dabei wird gefragt, wann die Schwellung begonnen hat, ob es Operationen, Bestrahlungen, Infektionen oder andere mögliche Auslöser gab und wie sich die Beschwerden im Alltag zeigen.
In unklaren Fällen können bildgebende Verfahren helfen. Dazu gehören zum Beispiel Lymphszintigraphie oder Indocyaningrün-Lymphographie.
Ultraschall oder MRT können helfen, andere Ursachen auszuschließen. Dazu gehören zum Beispiel Venenerkrankungen oder Tumoren.
Komplexe Physikalische Entstauungstherapie
Die wichtigste anerkannte Therapie beim Lymphödem ist die Komplexe Physikalische Entstauungstherapie, kurz KPE.
Sie besteht aus vier wichtigen Bausteinen:
- Manuelle Lymphdrainage
- Kompressionstherapie
- Bewegungstherapie
- Sorgfältige Hautpflege
Diese Bausteine wirken zusammen. Deshalb sollten sie regelmäßig und gut aufeinander abgestimmt angewendet werden.
Manuelle Lymphdrainage
Die manuelle Lymphdrainage ist eine spezielle therapeutische Technik. Sie soll den Lymphabfluss anregen.
Wichtig ist: Eine gute Lymphdrainage beginnt immer zentral, also im Bereich des Halses.
Dort liegen wichtige Stellen, an denen die Lymphe wieder in den Blutkreislauf gelangt.
Wenn zuerst die zentralen Lymphwege vorbereitet werden, kann Flüssigkeit aus den weiter entfernten Bereichen besser abfließen.
Wenn dieser zentrale Bereich nicht vorbereitet wird, ist die Wirkung der Behandlung deutlich geringer.
Damit die Wirkung erhalten bleibt, sollte manuelle Lymphdrainage immer mit Kompression kombiniert werden.
Kompressionstherapie
Die Kompressionstherapie ist einer der wichtigsten Bestandteile der Lymphödem-Behandlung.
Kompression erhöht den Druck im Gewebe. Dadurch kann weniger Flüssigkeit aus den Blutgefäßen ins Gewebe austreten. Gleichzeitig wird der Abtransport der Lymphe unterstützt.
Kompression hilft auch dabei, die Muskel- und Gelenkpumpe beim Gehen und Bewegen zu nutzen.
Außerdem kann sie die Durchblutung im Gewebe verbessern und dazu beitragen, verhärtetes Gewebe weicher zu machen.
Da Kompressionsversorgung viele Stunden am Tag getragen wird, wirkt sie über sehr viele Stunden im Jahr. Deshalb ist sie für den langfristigen Erfolg besonders wichtig.
Behandlungsphasen
Die KPE besteht aus zwei Phasen: der Entstauungsphase und der Erhaltungsphase.
Entstauungsphase
In der Entstauungsphase soll die Schwellung so weit wie möglich reduziert werden.
Dazu gehören häufige manuelle Lymphdrainage und eine wirksame Kompression, zum Beispiel durch Bandagierung oder verstellbare Kompressionssysteme.
Diese Versorgung kann angepasst werden, wenn sich der Umfang des Arms oder Beins verändert.
Erhaltungsphase
Wenn keine weitere deutliche Umfangsreduktion mehr erreicht wird, beginnt die Erhaltungsphase.
Das Ziel ist jetzt, das erreichte Ergebnis langfristig zu stabilisieren.
Dafür werden meist maßgefertigte flachgestrickte Kompressionsversorgungen benötigt.
Diese bieten einen niedrigen Ruhedruck und einen hohen Arbeitsdruck. Das bedeutet: Sie unterstützen den Lymphfluss besonders gut bei Bewegung, ohne die arterielle Durchblutung zu stark zu belasten.
Sie sollten erst angepasst werden, wenn die Entstauung ausreichend erfolgt ist.
Bewegung und Atemtherapie
Bewegung mit Kompression ist sehr wichtig beim Lymphödem.
Wenn Muskeln arbeiten, entsteht Druck im Gewebe. Dieser Druck hilft, Lymphe und venöses Blut in Richtung Herz zu transportieren.
Auch Atemübungen können den Lymphfluss unterstützen.
Besonders die tiefe Bauchatmung, also die Atmung mit dem Zwerchfell, wirkt wie eine natürliche Pumpe.
Sie unterstützt den zentralen Lymphabfluss im Körper.
Intermittierende pneumatische Kompression
Die intermittierende pneumatische Kompression kann zusätzlich zur Behandlung eingesetzt werden.
Dabei wird ein Gerät verwendet, das mit Luftdruck arbeitet. Es übt nacheinander Druck auf verschiedene Bereiche aus, meist von körperfern nach körpernah.
Richtig eingesetzt kann diese Therapie den Lymphtransport unterstützen und die Entstauung fördern.
Wichtig ist aber: Nicht jedes Gerät ist geeignet. Eine falsche Anwendung kann das Ödem verschlechtern. Deshalb sollte diese Therapie nur nach fachlicher Anleitung genutzt werden.
Infektionen beim Lymphödem und Erysipel
Menschen mit Lymphödem haben ein höheres Risiko für Infektionen.
Eine besonders wichtige Infektion ist das Erysipel, auch Wundrose genannt.
Beim Lymphödem ist die lokale Immunabwehr im betroffenen Gewebe geschwächt. Gleichzeitig bietet die eiweißreiche Flüssigkeit im Gewebe einen guten Nährboden für Bakterien.
Die Hautbarriere ist oft ebenfalls geschwächt. Die Haut kann trocken werden, einreißen oder kleine Verletzungen entwickeln. Dadurch können Bakterien leichter eindringen.
Ein Erysipel beginnt oft plötzlich. Es kann Fieber, Schmerzen und eine stark gerötete, scharf begrenzte Hautstelle verursachen.
Auch kleine Verletzungen können ein Erysipel auslösen. Dazu gehören kleine Schnitte, Insektenstiche, Risse zwischen den Zehen oder Pilzinfektionen.
Jedes Erysipel kann die Lymphgefäße weiter schädigen. Dadurch kann sich das Lymphödem verschlechtern.
Wiederholte Infektionen können die Fibrose verstärken, den Umfang erhöhen und den langfristigen Verlauf deutlich verschlechtern.
Hautpflege und Vorbeugung von Infektionen
Die Vorbeugung von Infektionen ist ein zentraler Teil des Lymphödem-Managements.
Sie ist genauso wichtig wie die Reduktion der Schwellung.
Beim Lymphödem ist die Abwehr im betroffenen Gewebe geschwächt. Auch die Haut ist oft empfindlicher.
Deshalb ist konsequente Hautpflege sehr wichtig.
Dazu gehören:
- sanfte Reinigung
- gründliches Abtrocknen
- rückfettende Pflegeprodukte
- Vermeidung von reizenden Stoffen
- schnelle Versorgung kleiner Verletzungen
- Kontrolle von Hautfalten und Zehenzwischenräumen
Eine intakte Haut kann helfen, das Risiko für Infektionen zu senken.
Selen und Unterstützung des Immunsystems
Selen ist ein wichtiges Spurenelement. Der Körper braucht es für das Immunsystem und den Schutz der Zellen.
Bei Menschen mit Lymphödem kann ein Selenmangel die lokale Immunabwehr zusätzlich schwächen. Dadurch kann das Risiko für Infektionen steigen.
Studien zeigen, dass Natriumselenit als Ergänzung zur KPE die Ödemreduktion unterstützen kann. Es kann auch helfen, Gewebeverhärtungen zu verringern und das Risiko für wiederkehrende Erysipele zu senken.
In klinischen Studien hatten Patient:innen mit Natriumselenit weniger Infektionen als Patient:innen, die nur mit KPE behandelt wurden. Auch Hautzustand und Lebensqualität konnten sich verbessern.
Selen kann besonders bei wiederholtem Erysipel oder nachgewiesenem Selenmangel sinnvoll sein.
Wichtig: Selen sollte nur nach ärztlicher Rücksprache eingenommen werden. Die richtige Dosierung ist wichtig, weil zu viel Selen schädlich sein kann.
Richtig eingesetzt kann Selen eine sinnvolle Ergänzung im umfassenden Lymphödem-Management sein.
Patient:innenaufklärung und langfristiges Management
Ein Lymphödem ist nicht heilbar, aber es ist kontrollierbar.
Der langfristige Erfolg hängt stark davon ab, wie gut Patient:innen ihre Erkrankung verstehen und wie konsequent die Therapie umgesetzt wird.
Wer versteht, warum Kompression, Bewegung, Hautpflege und regelmäßige Kontrolle wichtig sind, kann aktiver an der eigenen Versorgung mitwirken.
Gut informierte Patient:innen halten die Therapie oft besser ein, haben weniger Komplikationen und können ihre Lebensqualität verbessern.
Die wichtigsten Punkte
- Ein Lymphödem ist eine chronische Erkrankung des Lymphsystems.
- Es kann primär oder sekundär sein.
- Eine frühe Diagnose und konsequente Therapie können den Verlauf verlangsamen oder stabilisieren.
- Die Komplexe Physikalische Entstauungstherapie ist der anerkannte Goldstandard.
- Kompression ist einer der wichtigsten Bestandteile der Langzeittherapie.
- Hautpflege und Infektionsschutz sind sehr wichtig.
- Patient:innenaufklärung ist zentral für den langfristigen Erfolg.
Fazit
Ein Lymphödem ist mehr als eine einfache Schwellung. Es ist eine komplexe chronische Erkrankung des Lymphsystems.
Eine gute Behandlung braucht Wissen, regelmäßige Therapie, aktive Vorbeugung von Infektionen und die aktive Mitarbeit der Patient:innen.
Wenn ein Lymphödem früh erkannt und konsequent behandelt wird, kann der Verlauf verlangsamt werden. Komplikationen, besonders Infektionen, können reduziert werden. So kann die Lebensqualität langfristig besser erhalten bleiben.
Quellen und Referenzen
Der Inhalt dieses Artikels basiert auf wissenschaftlich fundierten Fachartikeln aus der deutschen Fachzeitschrift Lymphe & Gesundheit. Die Zeitschrift beschäftigt sich mit Lymphologie, Lymphödemen und verwandten Erkrankungen.
Hauptquellen
-
Lymphe & Gesundheit, Ausgabe 01/2010
Das Lymphödem und seine Behandlung – Teil 1
Schwerpunkte: Definition, Funktion des Lymphsystems, Krankheitsentstehung, Stadien und Grundlagen der Komplexen Physikalischen Entstauungstherapie. -
Lymphe & Gesundheit, Ausgabe 03/2025
Lymphödeme – Ursachen, Diagnose, Therapie – Teil 2
Schwerpunkte: erweiterte Therapiekonzepte, Infektionen beim Lymphödem, Erysipel, Selen, Immunsystem und langfristiges Management. -
Selen in der Behandlung von Lymphödemen
Veröffentlicht in Lymphe & Gesundheit.
Offizielle Quelle und Downloadseite: Lymphe & Gesundheit Downloads
Ynone kostenlos testen
Trag dich in die App-Warteliste ein
Teste Ynone als eine:r der Ersten und hilf mit, ein digitales Unterstützungstool für das Lymphödem-Selbstmanagement mitzugestalten.
Jetzt eintragen
